Oder: Wie Kinder manchmal über Noten denken, wenn sie endlich welche kriegen
Liebe Eltern,
in diesen Tagen steht wieder eine heikle Entscheidung für uns Eltern an: Wollen wir in den 3. und 4. Klassen Noten für unsere Kinder oder wollen wir das nicht? Das Berliner Schulgesetz ermöglicht es den Eltern, mit Zweidrittelmehrheit die Noten abzuwählen. (§58, Absatz IV)
Es ist ganz gut, die Entscheidung nicht nur aus dem Bauch und der eigenen Schulerfahrung heraus zu treffen, sondern die neuere Forschung seit Pisa zu Noten zur Kenntnis zu nehmen. Sie fällt, kurz gesagt, nicht sehr schmeichelhaft für Noten aus – gerade in den unteren Klassen bis Jahrgangsstufe sechs. Manche Schulen (Waldorf-, Gemeinschaftsschulen) bzw. Länder kennen sogar bis zur neunten Klasse KEINE NOTEN.
Die Elternvertreterinnen Ulrike Bock und Antje Wagner haben die Pros und Cons noch einmal ausführlich zusammengefasst. Es gibt auch ein Gutachten des Grundschulverbandes dazu. (Siehe Anhang)
Ich möchte Euch aber zum wichtigsten Argument von Eltern eine Geschichte aus einer vierten Klasse unserer Schule erzählen – dass nämlich die Kinder unbedingt Noten wollten.
Auch in jener vierten Klasse wogte der Streit zwischen den Eltern, die auf Noten stehen, und denen, die das Lernen wichtiger finden und Lernentwicklungsberichte einfach als viel genauere Diagnosen kennen. In der dritten Klasse hatten die Eltern sich gegen Noten entschieden – und für die Lernentwicklungsberichte, das heißt verbale Beurteilung und ein Halbjahresgespräch. Allerdings, in der vierten Klasse begann die Diskussion von vorne.
Es wurden die üblichen Argumente ausgetauscht: Die Notenfreaks sagten, sie wollten endlich genau wissen, wo ihr Kind steht – die anderen hielten dagegen, mit Noten wisse man das nur scheinbar.
„Ohne Noten brauche ich gar nicht nach Hause kommen.“
Die Notengegner wiederum warnten davor, dass eine Klasse durch Noten unweigerlich in ein Oben und Unten eingeteilt werde – und die Notenfans sagten dazu: „Der Ernst des Lebens muss ja irgendwann mal beginnen.“
Plötzlich sagte ein Vater: „Meine Tochter will Noten. Ich brauche gar nicht nach Hause kommen, wenn wir hier nicht für Noten stimmen.“ Das drehte die Debatte am Elternabend merklich. Denn viele Eltern berichteten nun, ihre Kinder wollten eben Noten haben. Basta. Die Abstimmung endete 11:7 für Noten, es gab viele Enthaltungen. Man ging nach Hause.
„Schule kann ganz schön daneben gehen.“
Ein paar Wochen später passierte freilich etwas mit den Kindern. In der Klasse hatte sich der Wind gedreht. Nicht ganz überraschend merkten manche Kids, dass es gar nicht immer nur Einser für alle gibt, sondern auch 4er und 5er. Manche 6 zeigte den SchülerInnen, dass Schule ganz schön daneben gehen kann. Die Lehrerin hielt die Kinder an, die Noten auf ihren Blättern einfach für sich zu behalten. Zwei Schüler, Luca und Robert, animierte die Debatte unter ihren KlassenkameradInnen sogar dazu, ein Referat zu halten, was Noten bedeuten.
Und das war ziemlich beeindruckend für jemanden, der dabei sein durfte. Kurz gesagt machten sich die Burschen Sorgen um das Klasssengefüge. Weil es nun Kinder gab, die nicht mehr Junge oder Mädchen mit bestimmten Eigenschaften waren, sondern eben Verlierer oder Gewinner. Die beiden Jungs erzählten, dass schlechte Noten auch nicht gut für die Zukunft seien. „Denn wer schlechte Noten kriegt, kommt nicht ins Gymnasium und wird später arbeitslos.“ In der vierten Klasse war es mucksmäuschenstill. Man merkte den Kindern an, dass es hier um etwas geht, was sie wirklich angeht.
„Noten lassen das Adrenalin in einem Beutel nahe dem Herzen zusammenlaufen“.
Am Ende präsentierten Luca und Robert das absolute Hammerargument. Von Noten kann man Herzinfarkt bekommen! „Warum das denn?“, wollten die Kinder wissen. „Ja, weil man sich als Schüler über eine schlechte Note ärgert und dabei Adrenalin im Körper entsteht“, sagten die beiden Referenten. „Dieses Adrenalin läuft in der Nähe des Herzens in einem Beutel zusammen. Wenn´s zu viele schlechte Noten gibt, dann, puff, platzt der Beutel – und das Adrenalin läuft ins Herz. Das verursacht einen Herzinfarkt.“
Für dieses Argument findet sich bislang kein Beleg in der Wissenschaft
Die Kids hätten die Noten trotzdem wieder abgeschafft – wenn sie gekonnt hätten.
Links zum Thema:
Grundschulverband zu Noten
Sabine Czerny über Noten: „Eine schlechte Note trifft ein Kind ins Mark“
Pro und Contra der Elternvertreter NotenGEVinfo
soziales gefüge instabiler
ich hoffe die jetzigen 4-klasse-eltern haben mehr gegen noten gestimmt als unsere im letzten jahr! die folgen der noteneinführung sind bei uns genau so eingetroffen wie beschrieben.
auch wenn die lehrerinnen sich große mühe geben, das soziale gefüge stabil zu halten ist die klasse seitdem in gewinner und verlierer geteilt. ob die kinder der noten-befürworter später einmal die genialen wissenschaftler und tollen chefs mit den supergehältern werden bleibt abzuwarten. das selbstbewußtsein stärken sie jedenfalls nicht.
gegen alle vernunft
danke für diesen schönen beitrag!!! in „meiner“ klasse wurde am letzten dienstag gegen alle vernunft pro noten entschieden.
es war einfach nur enttäuschend! in dem artikel stehen genau die „argumente“, die von den notenfreunden rüber kamen.
bin wütend
mich hat obiger Artikel wütend gemacht, da er sehr einseitig zugunsten von Notengegnern argumentiert. Ich als Notenbefürworter ( und damit noch längst kein „Freak“ ) habe schon in den ersten zwei Schuljahren meines Kindes erfahren, wie stark die Leistungen Anderer (im Vergleich mit dem eigenen Können) Kinder unter Druck setzen -und das ganz ohne Noten.
Dass jegliche Leistungsbewertung immer relativ ist, jeder Stärken, aber auch Schwächen hat und eine schlechtere Benotung niemanden zum Verlierer abstempeln will,sondern auch Hilfe und Ansporn sein kann, dahingehend ist über eine schlichte Benotung hinaus natürlich immer wieder Gesprächs- und Diskussionsbedarf. Sowohl in Schule als auch im Elternhaus, zwischen Lehrern,Eltern und vor allem Schülern. Ich stehe nicht auf Noten, aber sie dafür verantwortlich zu machen, dass sich Klassen in Gewinner und Verlierer unterteilen halte ich für zu einfach gedacht.