Erzählzeit: Berlins beste Leseförderung war an der Marie
Gerade haben Engin und sein Nebenmann noch gebalgt. Die Frage von vorne, um was es denn beim russische Märchen der letzten Woche ging, hat die Burschen wenig interessiert. Sie necken und schubsen sich gegenseitig, schon sind sie beide vom Sitzmöbel auf den Boden gerutscht.
Plötzlich sind alle mucksmäuschenstill
Aber plötzlich herrscht Totenstille. Innerhalb weniger Minuten hat es Sabine Kolbe geschafft, alle 24 Erst- und Zweitklässler im Raum zu fesseln. Die Schauspielerin fragt nämlich jetzt keine komplizierten Fragen – sondern sie erzählt. Erzählt die Geschichte von Bella und Huarne, die so gerne heiraten würden, aber kein Geld dafür haben. Die Geschichte wird ein großes Abenteuer, weil Huarne allzu nah an die Wasserhexe herankommt, die ihn prompt verzaubert.
Verzaubert wirken auch die Kinder: Fritz hat den Mund sperrangelweit offenstehen – weil er verstehen will, wozu Bella ihrem Märchenprinzen Huarne ein Glöckchen und ein Zaubermesser mit gibt. Auch Falk guckt jetzt gebannt nach vorne, wo Sabine Kolbe die Geschichte mehr spielt als erzählt.
Ich fühle mich auf dem Reisekoffer wohler.”
Kein Wunder. Kolbe hat Erzählen studiert, ja, das konnte man eine Zeitlang an der Universität der Künste. Wenn die Mittvierzigerin vorspielt, wie das Messer Fische in kleine verwunschene Männer zurückverwandelt, dann ist es im Struwelpeterraum der Grundschule an der Marie mucksmäuschenstill. „Ich rücke den Märchenstuhl immer an die Seite“, sagt Kolbe. „Ich fühle mich auf dem großen Reisekoffer wohler – da kann ich besser spielen.“ Und dann setzt sie sich zur Probe in den mit dickem bordeauxroten Samt beschlagenen Stuhl, um zu zeigen, wie man darin versinkt und bewegungsunfähig wird.
Sie können förmlich zuschauen, wie der Wortschatz und die Erzählfreude der Kinder größer wird.”
„Sie können förmlich zuschauen, wie der Wortschatz und die Erzählfreude der Kinder größer wird“, sagt Kolbe. “Die Kinder lernen, die Struktur von Geschichten zu erkennen – und dann auch selbst anzuwenden.”Die Erzählzeit ist ein Langzeitprojekt des gleichnamigen Veranstalters Erzählzeit. Ein Schuljahr lang geht Kolbe mit den anderen Erzählerinnen durch sechs Berliner Schulen, die meist in den sozialen Brennpunkten Weddings, Neuköllns und Kreubergs liegen. Die Grundschule an der Marie ist so etwas wie die Leitschule, denn in Kooperation mit Jeannette Arndt von der Marie hatte Kolbe das Projekt beantragt – und dafür 50.000 Euro aus dem Berliner Projektfonds für Kulturelle Bildung. Das Geld verteilt sich auf sechs Grundschulen, zwei Kitas und zwei weiterführende Schulen.
„Leseförderung ist wichtig“, sagt Arndt. „Und es ist gut, wenn dazu von außen Leute mit Projekten kommen, die eine andere Profession als die Lehrer haben.“ Ihre Projektpartnerin Sabine Kolbe freilich winkt beinahe ab. Ihr geht es nicht nur um Leseförderung und Kooperation. Sie will Kunst zeigen. “Unser Ziel ist es, hier eine künstlerische Qualität mit hereinzubringen – und die Kinder damit zu entfachen.” Und dafür findet Kolbe an der Grundschule an der Marie optimale Bedingungen. Den wunderschönen Märchenraum der Schule zum Beispiel, den man vor einigen Jahren rettete, als das Struwelpeter-Projekt einer anderen Schule endete – und an die Marie holte.
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Die Erzählzeit an der Marie – und ihre Vorgeschichte
Was interessant ist für Marie-Eltern: Jeden Donnerstag treffen sich im Märchenraum erste und zweite Klassen zur Erzählzeit. Dann treten ErzählerInnen auf, die den Kindern Geschichten berichten. “Aus dem Erleben des aktiven Zuhörens erweitern sich die Phantasie, der Wortschatz und die narrativen Kompetenzen der Kinder”, sagen Experten über das Projekt. Eine Handvoll Grundschulen nehmen daran teil.
Die Marie-Lehrerinnen Jeanette Arndt und Silke Sudhoff haben das Projekt zusammen mit Erzählzeit möglich gemacht. Es gab dafür eine Förderung von 50.000 Euro erhalten, die allerdings nicht allein an die Marie gehen! Acht Schulen und zwei Kitas profitieren bis Ende des Schuljahres davon. Dazu gehören die Grundschule an der Marie als Leitgrundschule, Aziz-Nesin-Europa-Grundschule in Kreuzberg. (Siehe Erzählzeit)
Das Projekt ist eines der vielen, das die beiden Lehrerinnen mit-/organisiert haben. Sie haben imJahr 2006 ein begehbares Märchenbuch gebaut. Sie haben 2002 “Die Odyssee. Ein Kinderspiel” an der Schule veranstaltet. Dort konnte man sehen, wie viel solche Projekte bei Kindern bewirken können. (siehe unten) Nun haben die Lehrerinnen zusammen mit Sabine Kolbe von der Erzählzeit die VorleserInnen möglich gemacht. Die Eltern bedanken sich für das Engagement.
Ein Beispiel dafür, was solche Projekte bewirken, konnte man an der Odysee beobachten. Die Spielleiterin berichtet: “Ein Junge kam mir scheu und sehr zurückhaltend vor. Außerdem stotterte er ab und zu und las schlecht.
Er wollte aber gern eine bedeutende, wenn auch nicht zu umfangreiche Rolle spielen und suchte sich schließlich die des Königs Aiolos aus, die textlich nicht ohne war.
Er sprach anfangs sehr introvertiert, schaute seinen Gegenüber nicht an, hatte Schwierigkeiten mit dem Text. Doch er blieb hartnäckig. Büffelte immer wieder seine Rolle, trainierte sie auf der Bühne, lernte frei zu sprechen und ohne Stottern zu spielen.
Derselbe Junge übernahm noch eine zweite Rolle, in der er am Ende des Stückes allein auf der Bühne ist und dort ganz allein zu tanzen beginnt, bevor alle anderen auftreten. Eine beeindruckende Leistung und Wandlung!”
Ein tolles Projekt – ich freue mich sehr dass es auch an unserer Schule durchgeführt wird. Meine Tochter
( 1. Klasse) liebt die Erzählstunden heiß und innig.
Danke an Frau Arndt und Frau Sudhoff!